Archiv für den Monat Juni 2013

Die Notwendigkeit der „Energie“

In der Wikipedia steht die Commonsense-Darstellung: „Energie ist nötig, um einen Körper zu beschleunigen oder um ihn entgegen einer Kraft zu bewegen, um eine Substanz zu erwärmen, um ein Gas zusammenzudrücken, um elektrischen Strom fließen zu lassen oder um elektromagnetische Wellen abzustrahlen“.

Sprachkritisch ist Energie aber in keiner Weise „nötig“, sondern Ausdruck einer bestimmten Auffassung. Einen Körper, etwa einen Ball, kann ich beschleunigen, indem ich ihn werfe, meine Wohnung kann ich erwärmen, indem ich heize, also etwa mit Holz im Chemine ein Feuer mache. Ein Strom, etwa der Rhein, fliesst und hält ein Wasserrad in Bewegung, auch wenn ich und der Strom keine Ahnung von Energie haben. „Energie“ ist genau dann nötig, wenn ich bestimmte Phänomene durch Energie beschreiben oder gar erklären will.

Sprachkritisch beobachte ich, wo und wie der Ausdruck „Energie“ verwendet wird. Eigentümlicherweise wurde die naturwissenschaftliche Physik bis hin zur Thermodynamik von H. Helmholtz ohne „Energie“ entwickelt. Die Natur-Wissenschaft hat sich lange Zeit mit der Erfindung der Kraft (und des Feldes) begnügt. Die Beschleunigung eines Körpers „braucht“ Kraft nicht Energie. Und auch hier gilt natürlich, dass der Apfel vom Baum fällt, auch wenn ich keine Ahnung von Kraft habe.

Es war die Dampfmaschine, nicht die Natur, die (uns) zu Vorstellungen über Energie führte. N. Carnot stellte als einer der ersten „Betrachtungen über die bewegende Kraft des Feuers und die zur Entwicklung dieser Kraft geeigneten Maschinen“ an. Er ist in dieser Hinsicht einer der Erfinder einer „Energie, die Kraftmaschinen speist“. Die Dampfmaschine läuft natürlich auch ohne dass ich oder irgendein Betreiber etwas von Energie weiss. Aber jeder Anwender einer Dampfmaschine erkennt unmittelbar, dass die Dampfmaschine gefüttert werden muss, dass sie Kohle braucht. Jede Kraftmaschine braucht einen Kraftstoff – was ja ein ganz anderes Wort ist als Energie!

Wenn ich ein Wasserrad verwende, kann ich zunächst übersehen, dass ich auch das Wasserrad füttern muss, weil das Wasser einfach so vor sich hinfliesst. Mechanischenergierad ist anschaulich, wie das Wasser das Wasserrad antreibt. In seinen Betrachtungen der Dampfmaschine erkannte N. Carnot, was jeder sehen kann, nämlich dass ein Rad nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Kohle angetrieben werden kann, was mechanische einfach etwas umständlicher ist. Er erkannte, dass Kohle und fliessendes Wasser in Bezug auf das Antreiben eines Rades verglichen und gemessen werden kann. Das, was dabei in Joules gemessen wird, ist eine spezifische Wirkung, die sich als Leistung einer Kraftmaschine zeigt. Und wenn ich die Maschine nur als abstrakten Umwandler auffasse, messe ich die Wirkung des Kraftstoffes, mit welchem die Maschine antrieben wird.

Die Dampfmaschine fungiert als Leitmedium für das, was mit der Grösse „Energie“ gemessen wird. Durch die Dampfmaschine erscheint auch das Wasserrad als Kraftmaschine, obwohl es im Fluss scheinbar ohne Kraftstoff funktioniert. Jeder Fluss ist aber Teil eines Stromes, dessen Kreislauf durch die Sonne, also per Kraftstoff aufrecht erhalten wird. Die Sonne verbrennt und erzeugt Dampf, den wir mit dem Wasserrad kondensiert nutzen, genau wie die Kohle verbrennt, die die Dampfmaschine treibt.

Soweit ich sehen kann, brauche ich gar keine Energie, sondern Kraftstoffe, wenn ich Massen beschleunigen will, und Kraftstoffe brauchen ich nur dort, wo ich nicht sowieso ein Kraftfeld wie die Gravitation vorfinde. Die Sonne werde ich in einem der nächsten Beiträge noch etwas genauer betrachten, aber klar ist, dass sie als Kraftstoff so endlich ist wie jeder andere Kraftstoff. Zunächst beobachte ich die Energie als Ware

Werbeanzeigen

Dialog als Sprachkritik

„Energie“ sehe ich sprachkritisch als Wort. Wer immer das Wort verwendet, verwendet es so, wie er es verwendet. Ich meine nicht, dass es eine richtige Verwendung von Wörtern gibt. Ich meine auch nicht, dass man Wörter oder deren Verwendung – jenseits von Terminologien – irgendwie „definieren“ und so verbindlich machen kann. Was immer über Energie gesagt wird, wird von jemandem – einem Beobachter – gesagt.

Ich kann mir aber Gedanken darüber machen, wie ich das Wort Energie verwende und welche – kontingenten -Verwendungen ich  in Texten von anderen Autoren erkennen kann. Die Reflexion des Sprachgebrauches durch Gespräche bezeichne ich als Dialog. Jede Verwendung des Wortes Energie zeigt mir potentielle Differenzen und mithin, was ich auch sehen oder sagen könnte. Durch jede Differenz wird mir bewusster, wie ich das Wort verwende und indem ich darüber spreche, wie ich das Wort verwende, verfertige ich allmähliche meine Gedanken beim Reden, worin ich den Sinn des Dialoges erkenne.

Jede Verwendung eines Ausdruckes sehe ich als latente Kritik an anderen Verwendungen desselben Ausdruckes. Als explizite Kritik bezeichne ich dabei den anhand bewusster Kriterien geleistete Vergleich der Verwendungen.

Im Alltagsverständnis steht oft die Bewertung im Zentrum der Kritik. In der Philosophie und der Wissenschaft wird „Kritik“ seit I. Kant’s „Kritik der reinen Vernunft“ oft in einem kruden Sinne verwendet, nämlich für die akademische Durchdringung eines Gegenstandes, bei welchem die jeweilige „Theorie“ mit der darin beschriebenen Wirklichkeit verglichen wird. K. Marx etwa nannte sein Werk „Kritik der politischen Oekonomie“. Ich glaube, er meinte damit nicht nur eine „Bewertung“ der bürgerlichen Oekonomen oder deren Lehren, sondern dass sein Werk eine adäquate Darstellung der beschriebenen Verhältnisse sei. Wo Kritik sagt, wie die Sache wirklich ist, sagt sie natürlich immer auch, dass andere Darstellungen wenig Wert haben. Und wo man andere Darstellungen in diesem Sinne kritisieren will, muss man einfach die richtige Darstellung liefern.

Hier heisst Kritik aber ausschliesslich der Vergleich verschiedener Darstellungen. Im Beispiel: K. Marx hat etwas anderes geschrieben als D. Ricardo. Ich kann mir die Unterschiede bewusst machen und die Verschiedenheit benennen. Wenn ich das tue, leiste ich Kritik im hier gemeinten Sinn.

Ich kritisiere also Verwendungen des Wortes Energie und am Anfang beobachte ich meine Verwendung des Ausdruckes:
Energie als Grösse