Archiv für den Monat Oktober 2013

Energie als Wertform

geldWenn ich Energie verbrauche, verbrauche ich etwas, was ich auch in Form von Geld ausdrücken kann. Entsprechend verkürzt kann ich deshalb sagen, dass ich Geld ausgebe, wenn ich Energie verbrauche. Wenn ich beispielsweise mit meinen Auto unterwegs bin und mithin Bezin verbrauche, kann ich anstelle von Benzin von Energie sprechen und die Kosten für das Benzin – in commonsensemässiger Abstraktion  – als Energiekosten bezeichnen. Wenn ich 100 Kilometer weit gefahren bin, habe ich dann in dieser Redeweise etwa 12 Franken für Energie ausgegeben. Deshalb erscheint mir diese Energie, bevor ich sie ausgebe als Guthaben im Tank, das 12 Franken entspricht. Unter gegebenen Umständen – wenn beispielsweise jemand eine Benzinpanne hat – kann ich dieses Benzin ja sogar für 12 Franken verkaufen.

Eigentlich bezahle ich mit den 12 Franken Benzin. Dann habe ich die 12 Franken nicht mehr, aber dafür habe ich das Benzin. Ich verbrauche das Benzin. Die 12 Franken verbrauche ich nicht, die hat jetzt ein anderer, der Tankstellenbesitzer, bis er sie wieder weitergibt. Und Energie kann eigentlich auch nicht verbraucht werden, das widerspräche der Physik. Und eigentlich brauche ich den Ausdruck Energie hier gar nicht. Warum also wird in solchen Zusammenhängen überhaupt von Energie gesprochen? Und warum soll beispielsweise Energie anstelle von Geld gespart werden?

Energie fungiert als abstraktes Geld. Ich verbrauche Benzin oder Kohle oder Strom, und ich kann das immer auch in Form von Geld ausdrücken. In Geldform habe ich nur eine Einheit und kann die verschiedenen konkreten Energieträger preis-quantitativ vergleichen. Eine ähnliche Funktion erfüllt auch die Abstraktion „Energie“, ich kann Holz und Öl in Joules vergleichen. Geld ist aber nicht nur etwas Gedankliches, Geld habe ich mit meinen Händen fassbar in meinen Portemonnaie. Energie dagegen gibt es nur in den Gedanken, und ich kenne ausser Einstein auch niemanden, der dazu klare Gedanken hätte. Aber im Commonsense der Alltagssprache weiss ich natürlich, dass Energie eine Art Devise bezeichnet, also eine Wertform neben dem eigentlichen Geld, die zum Geld in einem etwas komplizierten Verhältnis steht.

In der Schweiz haben wir Franken als eigentliches Geld und beispielsweise Dollars und Euros als – etwas lax gesprochen – Devisen, also als andere Geldsorten. Andere Geldsorten haben relativ zum Franken verschiedene Werte und deren Werte verändern sich verschieden. Genauso ist es auch mit der Energie. Der Preis schwankt und verschiedene Formen der Energie verändern ihren Preis mehr oder weniger – aber eher weniger unabhängig von einander. Der Markt schaut als unsichtbare Hand mit spekulativen Verzögerungen dazu, dass die Energie energieformunabhängig etwa gleich viel kostet, wobei natürlich das jeweilige Speicherbehältnis einen sehr grossen Einfluss auf den Preis hat. Strom aus der Steckdose kostet sehr viel weniger als Strom aus der Batterie, was aber mit der Herstellung und den eigentlichen Kosten von Strom nichts zu tun hat.

Energie ist in dem Sinne kein Geld, als ich gemeinhin nicht mit Energie bezahle oder bezahlen kann. Energie ist nur in dem Sinne Geld, als ich sie wie Geld ausgeben oder sparen kann. Energie ist aber in einem ganz anderen Sinn ein Äquivalent zu Geld, als ich genaugenommen Geld – von einer einzigen Aussnahme abgesehen – ausschliesslich für Energie ausgeben kann. Egal, was ich kaufe, ich bezahle immer die Energie, die in die Ware gesteckt wurde. Die einzige Ausnahme betrifft das Geld selbst, soweit es Zins repräsentiert. Alles, was ich mit Geld bezahle, hat einen Geldwert, in welchem Zinsen verrechnet sind.

Ich kenne zwei wesentliche Einwände gegen meine Vorstellung, wonach ich ausschliesslich Energie bezahle, die sprachkritisch beide darauf beruhen, dass der Ausdruck „Energie“ im umgangssprachlichen Sinn sehr beliebig verwendet wird. Zum einen  wird der Ausdruck Energie oft nur für Kraftstoffe verwendet, die Mechanismen antreiben. Erdöl ist dann eine Energie, weil es Heizungen und Autos unterhält, während Brot keine Energie darstellt, weil es einen Organismus  unterhält. Wenn ich beispielsweise den Lift benutzte, rechnen mir viele Leute vor, dass ich Energie verschwende, aber sie lassen ausser Acht, dass ich beim Treppensteigen noch mehr Energie brauchen würde, weil ich dazu ja mehr essen müsste, eben beispielsweise Brot. Das heisst, meine Kritiker verwenden den Ausdruck Energie ziemlich eingeschränkter als ich ihn hier verwende. Für mich ist alles, was ich in Joule oder kcal messen kann, Energie. Genau deshalb fahre ich im Lift.

Zum anderen wird oft gesagt, dass neben Energie auch Materie und Information bezahlt werde. Natürlich ist dabei Materie und Information auch umgangssprachlich gemeint. Information heisst dann wohl ungefähr das, was in den Zeitungen steht, die ich für Geld kaufe. Wenn ich eine Zeitung kaufe, bezahle ich natürlich auch das Material, also das bedruckte Papier, aber ein – von Kapitalzinsen abgesehen – wesentlicher Teil des Geldes geht wohl an die Reproduktionskosten der Mitarbeiter des Zeitungsverlages. Es ist mithin Bezahlung der Energie, die diese Organismen unterhält. Information im begrifflichen Sinn etwa der Kommunikationstheorie ist ja nichts anderes als Energie, die zwischen Sendern und Empfängern fliesst.

Von Materie sagte Einstein, sie sei Energie. Aber umgangssprachlich ist wohl nicht das gemeint, sondern eher die Vorstellung, dass wenn ich Stück Gold kaufe, ich für das Gold als Material bezahlen müsse. Aber Gold bekommt seinen Wert nicht dadurch, dass es glänzt, sondern dadurch dass es wie Zeitungen auch durch Arbeit von Menschen, die dabei Energie verbrauchen, hervorgebracht wird.

Vielleicht gibt es noch andere Einwände? Sie sind mir zur Zeit einfach nicht bekannt. Ich werde später ein paar Konsequenzen formulieren …

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2000-Watt-Gesellschaft

gegenenergieIn der energiepolitischen Propaganda ist seit einiger Zeit von einer “2000-Watt-Gesellschaft” die Rede, wenn es um das vermeintliche Energie sparen geht. Das trifft die Sache, um die es wirklich geht, paradoxerweise und ungewollt perfekt.

2000 Watt bezeichnet eine Leistung, also etwas ganz anderes als eine Energiemenge oder einen Energie”verbrauch”. Ich besitze einen Staubsauger mit einer Leistung von 2000 Watt. Er steht im Schrank und braucht überhaupt keine Energie. Wenn ich ihn benutze, dann verbraucht nicht er sondern ich elektrischen Strom. Je länger ich staubsauge, umso mehr Strom verbrauche ich. Da ich den Strom, der nicht aus meiner Solarzelle kommt, bezahlen muss, muss die Menge des Stroms gemessen werden. Wenn ich mit meinem Staubsauger eine Stunde lang mit maximaler Leistung staubsauge, brauche ich 2 Kilowattstunden Strom oder etwa 40 Rappen.

In der 2000-Watt-Gesellschaft dürfte ich wohl meinen Staubsauger das ganze Jahr auf Volllast betreiben, wenn ich sonst keine Energie verbrauchen würde. Ich würde dann pro Jahr, also in  8’760 Stunden etwa 17500 Kilowattstunden verbrauchen, was etwa einem Verbrauch von 1700 Liter Heizöl entspricht. Für diese Strommenge bezahle ich zur Zeit etwa 3400 Fr., während das Heizöl etwa 1700 Fr., also die Hälfte kostet. Nun kann man nicht gut von einer 17500-Kilowattstunden-Gesellschaft sprechen, weil diese Energiemenge pro Jahr verbraucht wird.

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist natürlich eine 2000-Watt-Menschen-Gesellschaft, da ja jeder Menschen 2000 Watt zur Verfügung haben soll. Gemeint ist mit diesen 2000 Watt also nicht der Verbrauch einer Gesellschaft, sondern der Verbrauch der einzelnen Menschen, die zu dieser Gesellschaft gehören. Aber natürlich ist nicht gemeint, dass jeder Mensch höchstens 2000 Watt verbrauchen sollte. Gemeint ist, dass die Menschen im Durchschnitt 2000 Watt verbrauchen sollten. Wenn man den gängigen Statistiken glaubt, sind wir als sogenannte Weltgesellschaft eine 2000-Watt-Gesellschaft. Wir setzen uns mit 2000 Watt also ein Ziel, dass wir in einer inversen Form schon erreicht haben. In der Propaganda scheinen wir weit mehr Energie zu verbrauchen, so dass die 2000 Watt ein Ziel darstellen, dass wir durch Einsparungen erreichen sollten. Die 2000 Watt sind aber ein Ziel, das wir erst kürzlich erreicht haben, weil es uns davor noch gar nicht gelungen ist, soviel Energie zu verbrauchen.

Wenn man nicht die Weltgesellschaft, sondern das andere Extrem, nämlich Ein-Mensch-Gesellschaften beobachtet, gibt es Miliarden von Gesellschaften, die das 2000 Watt-Ziel noch bei Weitem nicht erreichen. Und es gibt auch nicht ganz wenige solche Kleinst-Gesellschaften, die schon das Ziel 2000 Kilowatt, also 2000000 Watt erreicht haben.